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Gentherapie: Krankheiten mit Genen behandeln

Das Heilen von genetischen Erkrankungen ist eines der grossen Ziele der modernen Medizin. Die Idee ist simpel, die Umsetzung ist es nicht. Seit mehr als 25 Jahren sind Forschungsteams daran, die Gentherapie voranzubringen. Es gab viele Rückschläge, aber in den letzten Jahren gab es auch Ermutigendes.

5. Meilensteine der Gentherapie

Ein Blick zurück in die Geschichte der Gentherapie zeigt, wie komplex und schwierig diese Therapie ist. Die Fortschritte sind langsam, aber sie sind erkennbar. 

Kein anderes neues Behandlungskonzept hat in den 1990er-Jahren derart hohe Erwartungen geweckt und dann einen so ausgeprägten Rückschlag erlebt wie die Gentherapie. Die Euphorie um die Gentherapie nahm mit dem Tod eines Patienten im Jahr 1999 ein jähes Ende und die Weiterentwicklung der Gentherapie nahm erst später wieder Fahrt auf.

Die wichtigsten Meilensteine:
– Den misslungenen Versuch aus dem Jahr 1972, wo Ärzte versuchten, zwei Patientinnen mit Hyperargininämie durch Gabe von Papilloma-Viren zu behandeln, wird aus heutiger Sicht als erster Gentherapie-Versuch angesehen.
– Die Durchführung der ersten Gentherapiestudie wurde offiziell im Jahre 1988 von den amerikanischen Behörden bewilligt.
– Die erste Gentherapie wurde im Jahre 1990 an einem vierjährigen Mädchen durchgeführt, das an einem schweren Immundefekt litt. Aufgrund eines Stoffwechseldefekts starb ein Teil ihrer weissen Blutkörperchen frühzeitig ab, womit das Mädchen Infektionen wehrlos ausgeliefert war. Zur Behandlung der Krankheit wurde eine Kopie des gesunden Gens isoliert und in die Zelle eingeschleust. Da die Lebenszeit der weissen Blutkörperchen mit dem neuen Gen begrenzt war, musste die Prozedur regelmässig wiederholt werden.
– Der gentherapeutische Eingriff beim 18-jährigen Jesse Gelsinger verlief fatal: Er litt an der seltenen Krankheit OTCD (Ornithin-Transcarbamylase-Defizienz). Sein Körper konnte das bei der Verdauung von Proteinen anfallende Ammoniak nicht abbauen. 1999 erhielt er eine Infusion mit genetisch veränderten Adenoviren, die eine gesunde Kopie des defekten Gens in seine Leberzellen einbauen sollten. Doch wenige Stunden nach der Infusion begann sein Immunsystem, sich gegen diese Adenoviren zur Wehr zu setzen und er verstarb wenige Tage später. Alarmiert durch den tragischen Zwischenfall stoppte die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA im Herbst 1999 sofort alle klinischen Gentherapie-Studien.
– Die erste, dauerhaft erfolgreiche Gentherapie wurde Anfang 2000 in Paris durchgeführt: 20 Kinder mit schwerem Immundefekt wurden durch die Gentherapie von ihrer ansonsten tödlichen Erkrankung geheilt. Bei fünf Patienten kam es aber unerwartet zu schweren Nebenwirkungen der Therapie: einige der gentherapeutisch behandelten Zellen konnten sich rascher entwickeln, woraus bei diesen fünf Kindern eine Form von Blutkrebs entstand. Vier der Kinder konnten mit Chemotherapie geheilt werden, ein Kind verstarb.
– Steven Howarth litt seit seiner Geburt an einer Augenkrankheit, der Leberschen kongenitalen Amaurose. Dabei fehlt den Zellen der Netzhaut die Fähigkeit, den Sehfarbstoff zu regenerieren. Durch die Injektion eines gesunden Gens in die Netzhaut des 18-jährigen Briten, der schon fast blind war, konnten englische Mediziner im Jahre 2009 die Sehkraft des Patienten fast vollständig wiederherstellen.
– Der 2. November 2012 markiert einen weiteren Meilenstein, denn an diesem Tag hat die Europäische Arzneimittelbehörde EMA Glybera zugelassen, die erste Gentherapie der westlichen Welt. Glybera wird zur Behandlung einer erblichen Fettstoffwechselerkrankung, an der in Europa etwa 200 Personen leiden, eingesetzt. Der Nutzen ist jedoch ebenso umstritten wie der Preis: mit einer Million Dollar gilt es als das teuerste Medikament der Welt.
– Bis Januar 2014 wurden rund 2000 klinische Gentherapie-Studien zugelassen oder durchgeführt.

Doch trotz dieser Fortschritte ist die Gentherapie noch kein routinemässiger Eingriff im Spital. Zu komplex sind die Zusammenhänge und Prozesse in unserem Erbgut. Die bisher eingesetzten Gentaxis waren in manchen Fällen zu unsicher. Wie aber sonst bekommt man die Korrektur-DNA ins Erbgut?